Superkonsumenten und Sparstrategien

Podiumsdiskussion „Wie energie-lastig ist unser Konsum?“ in München

Das Podium in der Diskussion: Nina Möllers, Susanne Poelchau, Gerd Michelsen, Manuel Frondel (v.l.n.r.)

Den Ehrensaal des Deutschen Museums in München zieren Dutzende Köpfe. Es sind Büsten von Wissenschaftlern, in Marmor gemeißelt und an der Wand verewigt, die mit blinden Augen auf die 200 Sitzplätze im Saal herabschauen. Nur eine Frau ist unter ihnen, die Chemikerin Lise Meitner. Immerhin hat sie einen hochprominenten Platz direkt über dem Podium – also dort, wohin sich alle Augenpaare richten.

Dieses Podium war am Abend des 28. Oktober 2010 anlässlich einer Podiumsdiskussion, veranstaltet von Geisteswissenschaft im Dialog und der Energieroute der Museen, deutlich paritätischer besetzt: Manuel Frondel vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) und Gerd Michelsen von der Leuphana-Universität diskutierten mit Nina Möllers vom Deutschen Museum, es moderierte Susanne Poelchau vom Bayerischen Rundfunk. Das Thema des Abends war ein im Wortsinne spannendes – und ein höchst kontroverses: Energie. Allerdings ging es nicht in erster Linie um technologische Aspekte oder die Frage, wie die Energieversorgung der Zukunft gesichert werden kann. Ausgangspunkt war vielmehr die historische Perspektive: Wie wurden wir zu den „Superkonsumenten“ (Möllers), die wir sind?

Dr. Nina Möllers

Nina Möllers, erste Vortragende des Abends, gab eine Reihe einleuchtender Antworten. Die Umstände der Energieerzeugung seien dem Verbraucher im täglichen Umgang mit seinem „Maschinenpark“ aus dem Blick geraten. Energie ist unsichtbar, immer verfügbar, mithin sauber – nicht wie ehedem, als der Küchenherd mit Kohle oder Holz angefeuert wurde. In den 1950er Jahren war Elektrizität eindeutig positiv konnotiert: Sie stand für Modernität, Fortschritt und Wohlstand. Die Geräte führten zu einer enormen Effizienzsteigerung im Haushalt – während die Maschine Wäsche wäscht, kann Mutti saugen oder kochen. Mit dem Aufkommen der Waschmaschine änderten sich zudem Hygienestandards, Unterwäsche wird heute viel häufiger gewechselt als in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Das ist auch mit ein Verdienst der Werbung: In den 1940er Jahren warb ein Waschmaschinenhersteller mit einer Familie, die Schweine- statt Menschenköpfe trug – weil sie laut Anzeige ihre Unterwäsche nicht täglich wechselte.

Apropos Familie – sie stellt laut Möllers einen weiteren wichtigen kulturellen Einfluss auf das individuelle Verbraucherverhalten dar. Viele Menschen verhielten sich so, wie sie es von der Mutter gelernt hätten – Möllers hält dies für einen zentralen Grund dafür, dass Menschen eine gewisse Resistenz gegen energiesparendes Verhalten an den Tag legen. Am Ende ihrer Ausführungen plädierte die Wissenschaftlerin für mehr Selbstbewusstsein– erstens sollten Verbraucher erkennen, wie viel häufig unnötig verpulverte Energie sie verbrauchen, und zweitens sollten sie ein stärkeres Engagement der Politik dafür einklagen, ressourcenschonendes Verhalten bei Verbrauchern zu belohnen.

Zuhören und diskutieren

Auch Gerd Michelsen forderte eine geänderte Konsumkultur. Zwar würden Geräte immer effizienter, man könne also mehr Leistung aus ihnen herausholen. Aspekte wie die Energieintensität bei der Herstellung oder die Verteilungsgerechtigkeit hätten aber kaum einen Einfluss auf unser Konsumverhalten. Michelsen setzt auf zwei Mechanismen: Auf besseres Verhalten mittels Bildung sowie mittels Regelungen und Anreizen. Ein Projekt mit Studenten habe gezeigt, dass Menschen tatsächlich ihr Verhalten ändern, wenn man den Erfolg beim Sparen von Energie und CO2-Emissionen sichtbar macht – ähnliche Effekte verspricht er sich beispielsweise von einer Stromrechnung, aus der der Kunde klar ablesen kann, wie viel er im Vergleich zum Vorjahr gespart hat.

Manuel Frondel, der letzte Vortragende, gab den „Bad Boy“ der Runde. Seine provokative These: Wegen des Emissionshandels trage das Energiesparen des Einzelnen faktisch nichts zum Klimaschutz bei, weswegen man guten Gewissens weiterhin Strom verbrauchen solle – und besser nicht wegen des Stand-by-Schalters einen Ehekrach riskieren. Die Hauptverbrauchsfaktoren der Haushalte seien zudem die Heiz- und Warmwasserbereitungsenergie, hier seien die Einsparpotenziale wesentlich höher als beim Strom. Von Energiesparlampen schließlich hält der Wirtschaftswissenschaftler wenig – nur ein Drittel der Anschaffungen lohne sich überhaupt, weil viele Birnen im Haushalt selten glühen. Und auch von Michelsens Vorschlag einer übersichtlicheren Stromrechnung hält der Wirtschaftswissenschaftler wenig – die meisten Menschen interessierten sich „nicht großartig“ für diese Ausgabe.

Eine Frage aus dem Publikum - oder eher eine Forderung?

Bereits während der Kurzreferate der Podiumsgäste war immer wieder ein Raunen im Publikum zu vernehmen, und so erstaunte es kaum, dass zu Beginn der Diskussionsrunde viele Arme in die Höhe schossen. Besonders zu den Thesen Frondels gab es Anmerkungen und Fragen, andere wollten praktische Ratschläge, etwa zur Frage, wie sie selbst Energie sparen können.

So stand am Ende doch eher die aktuelle Debatte als der Blick in die Geschichte im Vordergrund. Interessant war die Diskussion allemal – und jeder der Zuhörer dürfte interessante Anregungen mit auf den Heimweg genommen haben.

Text: Wiebke Peters, Fotos: © Dr. Kai-Uwe Nielsen

 

Aufmerksame Zuhörerin

Wissenschaftsjahr 2010